20.05.2026 - Die Rheinpfalz
Neues Leben für Pfälzer Bahnstrecken
Bis 2035 könnten bundesweit rund 900 Kilometer stillgelegter Zugstrecken wieder in Betrieb genommen werden. Ein großer Teil dieser Strecken befindet sich in Rheinland-Pfalz, und dort vorwiegend in der Pfalz. Ganz im Gegensatz zu Thüringen und Sachsen-Anhalt. Da wird sich wohl überhaupt nichts tun. Von Thomas Wüpper, Berlin
Nach jahrelangem Schneckentempo komme die Reaktivierung in Fahrt, betont die Allianz pro Schiene, ein gemeinnütziges Bündnis von mehr als 200 Unternehmen und Verbänden. Gerade in strukturschwächeren Regionen würde damit die Erreichbarkeit verbessert, was Standortvorteile bringe und kommunale Entwicklungspläne unterstütze.
„Wir sind optimistisch, dass in Deutschland bis zum Jahr 2035 mehr als 50 Strecken reaktiviert werden“, sagt der Verkehrsexperte Holger Krawinkel. Die Chancen seien so groß wie nie zuvor, viele Vorhaben befänden sich im Bau oder Genehmigungsprozessen. Bis 2030 könnten demnach rund 300 Kilometer Bahnstrecken wieder in Betrieb gehen. Zur Finanzierung sollten die Bundesländer jedoch auch Mittel aus der zusätzlichen Staatsverschuldung („Sondervermögen“) für Reaktivierungsprojekte verwenden sowie die Regionalisierungsmittel des Bundes erhöhen, regt Verbandschef Dirk Flege an. Auch der spätere Zugbetrieb müsse dauerhaft gesichert werden.
Bei der Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken liegen Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg schon jetzt weit vorn. Und auch bis 2035 sind in beiden Ländern die Chancen größer als in den meisten anderen Bundesländern, dass wieder Züge auf bisher stillgelegten Trassen fahren. Am schlechtesten sind die Aussichten in Thüringen, Sachsen-Anhalt und in der Hansestadt Hamburg. Hier wird es in den nächsten zehn Jahren nach Einschätzung der Experten überhaupt keine Inbetriebnahmen einst aufgegebener Strecken geben.
Mit Abstand an der Spitze
Dagegen könnten in Rheinland-Pfalz bis 2035 rund 178 Kilometer Trassen wieder in Betrieb genommen werden, damit rangiert das Bundesland mit Abstand an der Spitze. Zu den acht Projekten gehören die Verbindungen von Landau nach Germersheim, von Langmeil nach Monsheim, von Lauterecken-Grumbach nach Stauedernheim, sowie von Hinterweidenthal-Ost nach Bundental-Rumbach. Im Saarland könnte die Strecke von Homburg nach Einöd reaktiviert werden. Die umweltfreundliche ÖPNV-Anbindung ländlicher Regionen soll gestärkt werden.
In Baden-Württemberg könnten 131 Kilometer reaktiviert werden, damit liegt der Südwesten auf dem vierten Rang nach den ebenfalls großen Flächenländern Nordrhein-Westfalen (136 km) und Niedersachsen (135 km). Zwischen Mannheim und Konstanz gebe es großes Potenzial für mehr Pendlerverkehr auf der Schiene und die Wiederanbindung kleinerer Städte, wird betont. Auch seien viele Trassen oft noch vorhanden und wurden nicht überbaut, was die Kosten gegenüber einem Neubau deutlich senke. Für die Instandsetzung, die Erneuerung der Leit- und Sicherungstechnik sowie die Elektrifizierung wird dennoch viel Geld gebraucht. In Baden-Württemberg werden zehn Schienenstrecken genannt, die voraussichtlich bis 2035 reaktiviert werden. Dazu gehören die Verbindungen von Stockach beim Bodensee nach Mengen, die Trassen Onstmettingen – Ebingen sowie Reutlingen – Engstingen auf der Alb. Rund um Stuttgart werden Filderstadt – Neuhausen und Ludwigsburg – Markgröningen genannt, im Norden des Bundeslands unter anderem Künzelsau – Waldenburg.
Regionalverkehr bei LändernMit der Bahnreform 1994 wurde entschieden, dass die 16 Bundesländer für den Regionalverkehr auf der Schiene zuständig sein sollen und dafür jedes Jahr Milliardensummen vom Bund erhalten. Aufgabenträger der Länder entscheiden seither, wo und wie viel Schienenverkehr stattfindet und ob der Betrieb eingestellt wird, wenn Züge zu wenig genutzt werden. Die komplette Entwidmung und anderweitige Nutzung von Trassen ist allerdings ein mehrstufiger Prozess, weshalb viele abgehängte Gleise noch vorhanden sind.
Seit 1994 wurde auf 971 Kilometern zuvor abgehängter Strecken der Personenverkehr wieder gestartet und zudem über 388 Kilometer Güterstrecken wieder Fracht transportiert. Der Anstoß für Reaktivierungen kommt oft aus den Regionen selbst, nicht zuletzt von Bürgerinitiativen oder Betrieben, die klimaschonender die Bahn statt nur Lastwagen nutzen wollen. Dann hängt es davon ab, ob Kommunen, Aufgabenträger, Parteien und Landesregierungen die Projekte entschieden und nachhaltig anpacken und vor allem finanzieren. Baden-Württemberg war dabei seit 1994 mit deutlichen Abstand am erfolgreichsten, vor allem unter dem langjährigen Ministerpräsidenten von den Grünen, Wilfried Kretschmann, und seinem Verkehrsminister Winfried Hermann wurden viele Projekte vorangetrieben.
Vorarbeit geleistetIm Südwesten gingen daher in den 32 Jahren seit der Bahnreform immerhin 226 Kilometer Trassen wieder in Betrieb, 25 Kilometer davon für den Güterverkehr. Auf Platz 2 liegt Bayern (171 Kilometer, davon 77 Kilometer nur für Fracht), gefolgt von Nordrhein-Westfalen (163 Kilometer, davon 10 Kilometer Güterstrecken). Rang 4 belegt Rheinland-Pfalz (153 Kilometer, davon 14 Kilometer Güterverkehr). Ganz hinten: die Hansestadt Bremen (10 Kilometer), das flächenmäßig kleine Saarland (12 Kilometer), Sachsen (26 Kilometer) und Brandenburg (34 Kilometer).
Allianz pro Schiene: Reaktivierung in Deutschland nimmt Fahrt auf